Unsere Vision - ausführliche Fassung

Liebe Besucher der PRO-Seite!

Warum wir uns engagieren

Das deutsche Herzzentrum Berlin ist ein internationales Referenzzentrum der Herzchirurgie und Transplantation und damit für viele Patienten letzter Anlaufpunkt der Hoffnung einer oft dramatischen Krankheitsgeschichte.

Im Bereich der Organtransplantation beobachten wir als Ärzte zurzeit eine erschreckende Zunahme der Wartezeiten von Patienten für eine Organverpflanzung.

So ist es mittlerweile Tatsache, dass ein Patient auf der "normalen" Warteliste für eine Transplantation quasi keine Chance mehr hat, ein Organ zu erhalten. Lediglich die Patienten mit erhöhter Dringlichkeit (U-Status, urgent), aber eigentlich realistisch gesehen nur die Patienten im HU-Status (high urgent – geschätzte weitere Überlebenszeit ca. 3 Monate!) bekommen in absehbarer Zeit eine Operationschance.

Das heißt: Wir Ärzte transplantieren insgesamt nicht nur weniger (in den letzten 10 Jahren hat sich z.B. die Anzahl der Herzverpflanzungen von 600 auf etwas mehr als 300 nahezu halbiert),  sondern vor allem - bedingt durch die langen Wartezeiten –  immer mehr extrem kranke Patienten, für die oft allein der operative Eingriff an sich ein lebensgefährliches Risiko darstellt.

Von den etwa 12.000 in unserem Land auf ein Spenderorgan wartenden Patienten versterben so jedes Jahr etwa 3000 Menschen.
Und wir Ärzte sind dazu verurteilt ohnmächtig in die verzweifelten und flehenden Augen unserer Patienten zu sehen, denen wir eigentlich fast allen helfen könnten!

Tatsache ist nämlich, dass mit den heutigen perfektionierten chirurgischen Techniken und hochpotenten pharmakologischen Folgebehandlungen mit einem transplantierten Organ ein über Jahrzehnte nahezu normales Weiterleben möglich ist. Und Spenderorgane wären theoretisch in ausreichender Zahl vorhanden!

Tragischer Weise nimmt jedoch die ohnehin im europäischen Vergleich niedrige Bereitschaft der Bundesbürger zur Organspende stetig ab.

Die meisten Menschen in unserem Land - so scheint es - sind oft sehr verunsichert bei dieser schwierigen Thematik.
Der eigene Tod oder der naher Angehöriger wird weitestgehend verdrängt und man muss wahrscheinlich auch akzeptieren, dass bei vielen Menschen zum Teil irrationale "Bauchgefühle" erhebliche Ängste im Hinblick auf eine Organspende auslösen:
Viele von uns glauben, im Fall des Falles nicht mehr richtig und bis zur Ausschöpfung aller medizinischen Möglichkeiten behandelt zu werden, wenn sie zu Lebzeiten einer Organspende zugestimmt haben,  - ja, oft löst allein der Gedanke, einen Spenderausweis bei sich zu haben, ein Gefühl aus, als würde man das Unheil geradezu heraufbeschwören.
Neben diversen weiteren Unsicherheiten erscheint uns allerdings die Tatsache am wichtigsten, dass die letzten Jahre der "Individualismusvergötterung" bei uns oft erst dann ein Gefühl von "WIR", Opferbereitschaft oder Barmherzigkeit entstehen lassen, wenn wir selbst oder unsere Liebsten auf Hilfe angewiesen sind.

Aber dies ist eben der falsche Zeitpunkt.
Und so stirbt jedes Jahr quasi unter aller Augen eine ganze Schindlerliste unsrer Mitmenschen beinahe unbemerkt, weil sich erneut die allermeisten – da nicht direkt betroffen – abwenden.

Dies wollen und können wir nicht länger akzeptieren. Unser ärztlicher Ethos zwingt uns die normalen Grenzen unseres Berufes zu verlassen und in der Öffentlichkeit um Aufmerksamkeit und Bewusstsein für diese unhaltbare Vogel-Straus-Mentalität fast unsrer gesamten Gesellschaft bei gleichzeitig jedoch vollständig erhaltener Nehmerbereitschaft zu kämpfen und vor allem um Mitstreiter für eine Beseitigung dieses Missstandes zu werben. Denn allein sind mir machtlos!


Was wir wollen

Haben Sie sich schon einmal die Frage gestellt, ob Sie bereit wären, im Falle einer schweren Erkrankung – so zum Beispiel schwerem fortschreitenden Versagen des Herzens oder der Lunge - für sich oder Ihr Kind das Spenderorgan eines fremden Menschen zu akzeptieren?

Fast 99 % von uns würden dies uneingeschränkt tun. Ein Mensch hat auch in dieser Situation das Recht auf eine zweite Chance!
Haben wir dieses Recht?  Denn andersherum haben sich nur etwa 20 % der Menschen in Europa für ein JA zu einer Organspende entschieden oder stimmen dieser nach dem Tod eines Angehörigen zu.
So kommt es, dass wir trotz modernster Medizin in Europa im Falle einer nur durch eine Organverpflanzung zu behandelnden Erkrankung auf Grund der Knappheit von Spenderorganen nur geringe Überlebenschancen haben.
Die Konsequenz des Mangelzustandes ist das erdrückende Wissen für jeden von uns, dass wir möglicherweise dann, wenn wir selbst am nötigsten Hilfe brauchen, sie nicht bekommen können sondern lediglich auf einer Warteliste landen, auf der jeden Tag Menschen sinnlos sterben und dies nur, weil die meisten von uns aus verschiedenen Gründen nicht bereit sind, selbst zu schenken, was wir im Fall des Falles doch alle voller Dankbarkeit bereit wären anzunehmen.
ProGesellschaft ist die Vision eines neuen Miteinanders in unserer Zeit, eines Füreinander-Daseins in zumindest einer elementaren Frage von Leben und Tod, der Frage nach einer Organspende:
Sind sie bereit zu gestatten, dass nach Ihrem Tod, nachdem alles für Sie getan wurde, um Ihr Leben zu erhalten, mit Ihrem Körper das Leben anderer gerettet wird?
ProGesellschaft will dazu ermutigen, diese Frage mit JA zu beantworten. Mit einer simplen schriftlichen Erklärung - sei dies ein Papier, Dokument, ein nur scheckkartengroßer Spenderausweis oder gar nur ein Gespräch mit den Angehörigen.
Neben der Hilfe für eine individuelle Pro-Entscheidungsfindung geht es aber andererseits auch darum, in der Bevölkerung als solcher einen Paradigmenwechsel in der Selbstsicht zu erreichen:
In den lebensentscheidenden Dingen weg vom Individualismus.  Hin zu einem starken Gemeinschaftsgefühl des Füreinandereinstehens, des Wissens um des anderen Beistand und der Erkenntnis der Überwindungsfähigkeit eigener Ängste sowie des daraus resultierenden Glücks- und Freiheitsgefühls.

ProGesellschaft greift damit radikal das Auseinanderdriften unserer Gesellschaft an und lässt Menschen aller Schichten, Einkommensgruppen, politischen Einstellungen, religiösen Überzeugungen und geistigen Fähigkeiten wieder näher zusammenrücken.
In einer solchen Gesellschaft zu leben, dies kann das großartige Lebensgefühl sein, womit zusätzlich jeder beschenkt wird, auch wenn Sie oder Ihre Kinder niemals auf die Spende eines Organs angewiesen sein sollten. Und dies ohne einen einzigen Cent Kosten für jeden von uns. Stellen Sie sich vor: Sie stehen in einem Fahrstuhl mit vier weiteren Menschen - und Sie wüssten, dass mindestens drei von diesen Unbekannten im Fall des Falles Sie mit dem größtmöglichen Geschenk bereit sind, zu beschenken.
In einer ProGesellschaft lebt es sich besser, weil Menschen - da wo es um alles geht - füreinander einstehen.

Die Thematik ist schwierig. Unsere Ängste und unsere Unsicherheit machen, dass wir notwendigerweise zu stellende Fragen oder eigentlich klare Antworten immer wieder verdrängen. Aber es lohnt sich, die Widerstände zu überwinden, die innere Grenze zu überschreiten und Teil einer neuen europäischen Leitkultur zu werden, geprägt von zwei der größten europäischen Ideale: Gleichheit und Brüderlichkeit!

So geht es hier nicht um eine herkömmliche Werbekampagne sondern um die Bereicherung der Gesellschaft um eine neue Verhaltensnorm die zur Selbstverständlichkeit werden kann. Dies würde zu einer spürbaren Erleichterung des gesellschaftlichen Gewissens beitragen, dass belastet ist durch den moralisch nicht zu akzeptierenden Widerspruch zwischen nahezu vollständiger Annahmewilligkeit eines Spenderorgans einerseits und grotesk niedriger Spendenbereitschaft auf der anderen Seite.


Roland Hetzer - Ärztlicher Direktor des Deutschen Herzzentrums Berlin
Reinhard Pregla - Ärztlicher Direktor der Meoclinic

Link zur  Vita von Prof. Dr. Hetzer

 
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